Die Reliquien der drei heiligen Jungfrauen
Fährt man von Badisch-Rheinfelden in Richtung Maulburg auf den Dinkelberg, kommt man an der höchsten Stelle zur Eichsler Kirche im Ortsteil Obereichsel. Bei klarem Wetter kann man von hier aus bis zu den Schweizer Alpen hinüber blicken. Der Ort war schon zur Römerzeit besiedelt, und es ist anzunehmen, dass sich an der Stelle der heutigen Kirche bereits eine vorchristliche Kultstätte befand. Der Name Eichsel soll aus dem Begriff ‹Eiche des Heils› hervorgegangen sein. Am dritten Sonntag im Juli wird der Ort zum Mittelpunkt eines altüberlieferten Festes zu Ehren der drei Jungfrauen Wibrandis, Kunigundis und Mechtundis. Nach einem Festgottesdienst werden die Reliquienschreine der Heiligen auf dem mit Blumenteppichen belegten Prozessionsweg ums Dorf geführt, und im Anschluss findet ein kleines Dorffest statt.
Nach der Legende, die sich durch Jahrhunderte hartnäckig gehalten hat, gehörten die drei Jungfrauen zur Gefolgschaft der heiligen Ursula, deren Kopfreliquiar zum Basler Münsterschatz gehört. Die heilige Ursula soll eine englische Königstochter gewesen sein, die vor ihrer Verheiratung im 5.Jahrhundert eine Wallfahrt nach Rom unternahm. Sie wurde begleitet von ihren Hofdamen, deren Zahl aufgrund eines Lesefehlers mit elftausend angegeben wurde. In kleinen Schiffen fuhren sie nach Basel, wandelten von der Schifflände den Rheinsprung hinauf und bogen rechts in eine Gasse ein, die zur Martinskirche hinaufführt und in Erinnerung an die Geschichte heute ‹Elftausendjungfern-Gässlein› heisst. Nach ihrer Rückkehr aus Rom verkaufte die fromme Pilgerinnenschar ihre Reit- und Lasttiere in Basel, um die Reise auf dem Rhein fortzusetzen, wie das damals üblich war. In Köln wurden die Frauen jedoch von den Hunnen überfallen und erlitten den Märtyrertod.
Der Überlieferung zufolge sollen jedoch einige von Ursulas Begleiterinnen in Basel zurückgeblieben sein: die drei Klausnerinnen Margaretha, Ottilie und Christiana (Chrischona), die sich auf den Hügeln im Süden und Norden der Stadt ihre Einsiedeleien errichteten. Diese Geschichte basiert auf einer Vielzahl von unterschiedlichen Legenden. Noch vor der Ankunft in Basel, nämlich in Augst, sollen die Begleiterinnen Kunigundis, Mechtundis und Christiana zusammen mit ihrer Dienerin Wibrandis die Reise wegen schwerer Erkrankung unterbrochen haben. Christiana soll bald darauf gestorben sein, während die übrigen drei Frauen das Rheinbett überquerten und zum Hof Roppersweiler am Dinkelberg kamen. Dem Ende nahe erbaten sie als Christinnen die kirchlichen Sakramente und ein Begräbnis an jenem Ort, an den ein mit Ochsen bespannter Wagen ihre Leichname von selbst führen würde. Dies geschah nach der Überlieferung bei einer alten Eiche. An den Grabstätten der Jungfrauen sollen sich im Lauf der Zeit unzählige Wunder zugetragen haben. Man nimmt an, dass hier eine erste kleine Kirche bereits um das Jahr 900 bestand, obgleich Eichsel erstmals 1192 urkundlich erwähnt wurde. Beim Kirchturm ist nicht ausgeschlossen, dass es sich ursprünglich um einen Wehrturm handelte. Der Turm wurde 1852 aufgestockt, die älteste der vier Glocken stammt von 1687 und ist der Heiligen Kunigundis geweiht.
Die Verehrung der drei Heiligen im Volk muss sehr alt sein. Zur Heiligsprechung wurde 1504 unter Papst Julius II eine Prozess angestrengt. Dessen Protokolle wurden 1505 gedruckt, in den Universitätsbibliotheken von Basel, Freiburg und Tübingen sind solche Wiegendrucke vorhanden. Vierzig Zeugen sind damals vernommen worden. Sie machten zum Teil übereinstimmende Aussagen über den wundertätig entsprungenen ‹Mägdebrunnen›, lieblichen Veilchenduft an den Gräbern und über ungewöhnliche Heilungen. So sollen zwei Basler Frauen hier von der Pest genesen sein. Die Gräber der Frauen wurden geöffnet und ihre sorgsam präparierten Reliquien am 16.Juni 1504 auf den Altar der Kirche gehoben. Fünftausend Menschen sollen zu dieser Feier auf den Dinkelberg gekommen sein. Trotz der Reformation in Basel von 1529 und in der Markgrafschaft Baden von 1556 und trotz des rigorosen Verbots durch Kaiser Joseph II von 1783 lebte die Jungfrauenverehrung der ‹drei Mägde› weiter, und der grosse Zustrom von Wallfahrern und Gläubigen am Jungfrauenfest brachte es mit sich, dass aus dem rein religiösen Anlass ein Volksfest mit Jahrmarkt, Verkaufsbuden, Musik und Tanzveranstaltungen wurde. Das Treiben missfiel einem jungen Vikar, er stellte 1820 beim Konstanzer Bistumsverweser den Antrag, das Fest zu untersagen und bewirkte ein Verbot. Die Wallfahrt versiegte im Lauf der Zeit, doch an seiner Stelle entstand ab 1862 der Brauch des ‹Eichsler Umgangs› am dritten Julisonntag.
Die Verbindung der drei Heiligen mit dem Ursulinenzug wird heute angezweifelt. Man vermutet, dass das Wirken der drei Jungfrauen in die Karolingerzeit fällt und im Zusammenhang mit der Missionierung des Dinkelbergs steht. Die Dreizahl der heiligen Frauen hier und an anderen alten Wallfahrtsorten wie beispielsweise in Wentzwiller lässt jedoch vermuten, dass es auf dem Dinkelberg schon eine vorchristliche Kultstätte gab.
Die St. Gallus geweihte Kirche wurde in den Jahrhunderten mehrmals erweitert und renoviert, zuletzt 1978/1979. Dabei ist durch die neu eingezogene Kassettendecke die ursprüngliche übermalte Decke abgedeckt worden. Dort war die Legende der Drei Jungfrauen dargestellt. Im Chorraum wurde die sagenumwobene Quelle versiegelt, 1941 hatte man noch „Gnadenwasser aus der Quelle der heiligen drei Jungfrauen“ an Pilger ausgeteilt, die trotz der Kriegsjahre gekommen waren. Auf der linken Seite im Chorraum bedeckt eine Bodenplatte die ehemalige Grabstätte der drei Jungfrauen, die 1504 aus dem Grab genommen und in Reliquienschreine gebettet worden waren. Zu sehen sind heute die Reliquienschreine der drei Jungfrauen auf dem rechten Seitenaltar mit den Statuen der Heiligen.













