Bärensprung an Lätare
In einem Seitental der Wutach liegt der kleine Ort Lausheim. Bei Anbruch des Frühlings wird hier der berühmte Bärensonntag gefeiert um den Winter zu vertreiben. Der Brauch ist in seiner speziellen Form einzigartig und lebendig wie eh und je.
An Lätare, dem vierten Fastensonntag, beginnen die Kinder des Dorfes am Morgen mit einem Heischeumgang. Zwei Gruppen ziehen mit dem Leiterwagen von Haus zu Haus und rufen:
„Un jetzt ihr Wiiber richtet Schmalz und Mähl.
Un Eier machet d‘Chichli gäel.
Un sin au nit so gitzig hit,
dass recht viel Bärechichli git.“
Nach diesem Spruch erhalten die ‚Bärenkinder‘ Mehl, Eier, Fett und Zucker, was später für die Bärechichli benötigt wird. Am späteren Vormittag beginnen die ‚Bärenmütter‘ im Keller vom Gemeindehaus mit der Zubereitung des Hefeteigs. Im Fett schwimmend werden die beliebten ‚Bärechichli‘ gebacken, viele Hundert Stück sind es. Diese werden nachmittags in jedes Haus im Dorf verteilt und den Gästen beim ‚Bärenschmaus‘ angeboten.
Nach der Mittagspause kommt der Höhepunkt, ein ‚Bär‘ wird in den Dorfbach getrieben! Jedes Jahr muss ein Neuntklässler den ‚Bären‘ spielen, da die Schulzeit früher mit der neunten Klasse endete. Früher durften nur Buben den ‚Bären‘ spielen, seit 2014 sind auch Mädchen dabei. Der ‚Bär‘ und seine Helfer haben am Samstag schon die Verkleidung aus Weißtannenreisig vorbereitet. In einer Scheune am oberen Dorfende schlüpft er/sie nun in das schwere Kostüm. An einer langen Liane gebunden wird der ‚Bär‘ durch das Dorf hinab getrieben, geführt von zwei Helfern. Vorneweg ziehen alle Kinder des Dorfes zwischen drei und 16 Jahren. Sie tragen lange Weidenruten als Frühlingsboten und Fruchtbarkeitssymbol. Sie schreien laute ‚Bärensprüche‘ um den ‚Bären‘ anzutreiben:
„Holla, Holla usem Huus,
d’Bärekinder rucket uus,
dä Bärema im Danneries,
verdriebt de Schnee und alle Lis.“
Bis zum unteren Dorfende geht der laute Zug, dort ist der Dorfbach aufgestaut zum ‚Gumpe‘. Jetzt rufen sie:
„Jetzt schniede mer d’Länne uff am Buch
no altem Bruch,
no mue dä Bär is Wasser gumbe,
no mue de Winter vo is blumse.
Jetzt mue dä Bär is Wasser gumbe,
dä isch so dreckig wie en Lumbe.
Jetzt chan er sich bade
vom Chopf bis zu de Wadde.“
Am Gumpen wird der ‚Bär‘ dann von seinem schweren Tannenreisig-Umhang befreit und er muss mindestens dreimal in den eiskalten Dorfbach springen. Manchmal entwickelt sich von Jahr zu Jahr ein Wettbewerb, so sprang 2025 der ‚Bär‘ sogar 13 mal in den eiskalten Bach. Nach einer schnellen warmen Dusche läuft der ‚Bär‘ dann ein weiteres Mal durch das Dorf, dieses Mal aber im Frack und mit Zylinder und Stock, seine Begleiterin im feschen Dirndl, um die Glückwünsche, oft auch ein Vesper oder Taschengeld, von den Dorfbewohnern entgegenzunehmen. Neben den Einheimischen finden sich auch viele Gäste aus der Region ein, um dieses einzigartige Spektakel zu erleben und die Bärenküchle zu probieren. Vor Ort, in einer großen Firmen-Halle, gegenüber vom „Gumbe“, wird reichlich Verköstigung angeboten. Der Ausklang am Abend spielt sich dann zusammen mit den älteren Jugendlichen im alten Schulhaus ab.
Die Ursprünge des Brauchs liegen im Dunklen, das früheste schriftliche Zeugnis des Bärensonntags stammt aus dem Jahre 1901. Der junge Pfarrverweser Hermann Sernatinger war kaum ein halbes Jahr in dem abgelegen Dorf, als er völlig unvermittelt Zeuge dieses skurrilen Schauspiels wurde. Mit einem Auge fürs Detail dokumentierte er den kompletten Ablauf, an dem sich in den letzten hundert Jahren nichts Wesentliches verändert hat.
Dieser Brauch ist ein Unikum. Doch seine Struktur ähnelt vielen Lätarebräuchen, wie sie in Europa zu hunderten verbreitet sind – beziehungsweise waren. Der wohl früheste Lätarebrauch war das so genannte Todaustragen, bei dem eine den Tod darstellende Strohpuppe unter dem Absingen von Liedern umhergetragen und anschließend ins Wasser geworfen oder verbrannt wurde. Dieser Brauch entstand vermutlich während der Pest im 14.Jahrhundert und verbreitete sich in der Folge in weiten Teilen Mitteleuropas bis in die Schweiz und nach Süddeutschland. Im 16.Jahrhundert vermischte sich der Brauch zunehmend mit verschiedenen Frühlingsbräuchen. Man begann das Todaustragen mit dem Winteraustreiben gleichzusetzen, Liedtexte wurden entsprechend umgedichtet. Der vermeintlich heidnische Kampf zwischen Sommer und Winter, wie er in vielen Lätarebräuchen zum Ausdruck gebracht wird, hat seine tiefen Wurzeln in dem theologischen Gegensatz von Tod und Hoffnung, Trauer und Freude. Kinder und Jugendliche als Hauptakteure, das Tragen von segenspendenden Lebensruten, eine in Zweige vermummte Fantasiegestalt, die in einen Bach geworfen wird – all das ist für Lätarebräuche charakteristisch. Doch den Sprung des Bären findet man nur in Lausheim. Schon in der Bibel wird der Bär mehrmals als Sinnbild des Bösen aufgeführt und auch in der Dämonenlehre taucht er vereinzelt als Symbol für den Teufel auf. Die besondere Ehrfurcht vor diesem Tier reicht weiter zurück zu den Kelten und hat sich womöglich tief verankert im kollektiven Gedächtnis.
Es ist erstaunlich, wie der alte Brauch des Bärensonntags in Lausheim über die Zeit hinweg überlebt hat. Pfarrverweser Sernatinger mutmaßte ehedem: “ Wäre das Thal mehr dem Verkehr geöffnet, wer weiß, ob nicht die wenigen übrig gebliebenen Sitten alter Poesie auch noch geschwunden wären“. Die Begeisterung, mit der dieser Nachklang aus einer entschwundenen Welt von den Lausheimern gepflegt und gefeiert wird, ist sehr eindrücklich. Sernatingers Worte besitzen insofern ungebrochen Geltung: „Und man muss beide darum loben: Die Jungen, dass sie alljährlich diesen Brauch wiederholen; und die Alten, dass sie durch ihren Beifall die Jugend zum Festhalten an dieser Sitte ermuntern“.
Die Pfarrkirche von Lausheim geht in den Ursprüngen auf das 10.Jahrhundert zurück. Eine Statue des Heiligen Nikolaus auf dem Seitenaltar zeigt den Kirchenpatron. 1574 gelangte ein Messgewand aus Sankt Blasien, dem aufgrund einer alten Legende heilende Kräfte auf geisteskranke Menschen zugeschrieben wurde, in die Lausheimer Kirche. Nach dem Ende des Winters, wenn Reisen wieder möglich waren, erschienen zahlreiche Pilger – wenn Schnee lag, auf Mistschlitten gebunden –, denen das wundertätige Messgewand aufgelegt wurde. Der Pfarrvikar zu Lausheim schreibt 1668 in einem Brief an den Prior von Sankt Blasien: „……zeithero des Frühlings (haben) eine namhafte Anzahl deren peregrinanten aus unterschidichen um liegenden Orthen, so wohl Stätte als Dörfern sich alhier befinden, bey S. Nicolai…Heiltumb in ihren Krankheiten Hilf gefleht auch etwelche…in ihren Anliegen Besserung gefunden, wie deme jüngst verflossenen 28.März einer ganz verruchter, tauber, gebundener Mensch…den 1.April frey, ledig, mit völligem Verstand –widerumb nach Haus begeben…..“ Die Wallfahrt wurde 1840 aufgehoben, dass wundertätige Messgewand ist verschwunden.
Folgt man dem ‚Weilergraben‘ talabwärts, erreicht man bald eine uralte Mühle. Mit einer faszinierenden Konstruktion treibt der Ehrenbach drei Mühlräder an. Der ‚Weilergraben‘ mündet hier ins Wutachtal. Die Wutach kommt aus einer Schlucht, die spektakulär von den steil aufragenden Felsentürmen der Wutachflühen überragt wird. Aufregende Wanderungen sind in diesem Naturschutzgebiet möglich. Bei Grimmelshofen kommen Straße und Eisenbahn von den Höhen des Schwarzwaldes auf steilen Abstiegen auf eigenen Trassen ins Wutachtal hinab. Das Tal wird allmählich weiter, man passiert Stühlingen, an der Hangkante darüber trohnt das Schloss Hohenlupfen. Das Tal wird immer weiter, schließlich mündet die Wutach in den Hochrhein östlich von Waldshut.

















