Dieselmuot ze dem Schowinslant
Der Schauinsland ist der Hausberg von Freiburg. Schon der ‚Aufstieg‘ mit der Seilbahn ist ein ganz besonderes Erlebnis. Vom 1284 Meter hohen Gipfel hat man eine fantastische Rundumsicht zu den Schwarzwaldgipfeln Kandel, Feldberg, Belchen und Blauen. Im Westen liegt die Rheinebene, dahinter erhebt sich 70 Kilometer entfernt die Kette der Vogesenberge. Der alte Name ‚Erzkasten‘ erinnert daran, dass die größten Schätze und Geheimnisse des Schauinslandes unter der Erde liegen. Vor über 800 Jahren kamen die ersten Bergleute hierher. Von bereits bestehenden Bergwerken im Münstertal waren Prospektoren (Erzsucher) immer höher gestiegen. Über den Stohren erreichten sie schließlich die Höhen, dort oben fanden sie reichlich Silbererze. Bei diesen ersten Bergwerken entstand auch die Siedlung ‚Dieselmuot‘.
Die Geschichte dieses mittelalterlichen Bergbaus wird auch im Freiburger Münster erzählt. Auf zwei prachtvollen Fenstern ist die Arbeit der Bergleute eindrucksvoll dargestellt. Im südlichen Seitenschiff befindet sich in der unteren Fenster-Reihe das erste Bergwerksfenster. Um 1330 ist es durch eine private Stiftung der Familie Tulenhaupt entstanden. In der untersten Ebene ist die Arbeit im Bergwerk ‚Dieselmuot‘ dargestellt. Im ersten Feld ist ein Bergmann zu sehen, der mit zwei Keilhauen Erz abbaut. Er ist bekleidet mit einem weißleinenen Rock, darunter wird Unterbekleidung sichtbar. Über den Unterschenkeln trägt er Beinlinge und an den Füßen Lederschuhe ohne Schnürung. Feld zwei und drei zeigt das Wappen der Familie. Im vierten Feld arbeiten zwei Bergleute am Schacht, sie tragen zusätzlich Kappen. Einer der Bergleute kniet und hält mit beiden Händen eine Keilhaue. Der andere führt einen Förderkorb aus Weidengeflecht, in dem sich gefüllte Erzsäcke befinden. Das Seil ist am Bügel des Korbes befestigt und verschwindet in einem angedeuteten Schacht. Über dieser realen Welt ist die geistige Welt abgebildet. Auf den beiden mittleren Bahnen stehen eine Schutzmantelmadonna, und zu Füssen des Heiligen Andreas knien die Stifter. Auf den äusseren Bahnen erkennt man vier Szenen aus der Nikolaus-Legende. Durch die Darstellung des Heiligen Nikolaus, dem Schutzheiligen der Familie Tulenhaupt, hofften sie, dessen Kult zu fördern und dadurch in seiner Gunst zu stehen.
In 20 Meter Höhe befindet sich das sogenannte Schauinsland-Fenster. In der unteren Ebene wieder die reale Welt, dort steht: dis gulten die froner ze dem schowinslant – dies stifteten die Bergbauunternehmer am Schauinsland. Man sieht wieder Bergleute bei der Arbeit, ähnlich gekleidet wie die im Tulenhaupt-Fenster. Im ersten und zweiten Bild kniet bzw. sitzt ein Bergmann im engen Stollen. Mit beiden Händen führen sie die Keilhaue, geflochtene Kappen dienen als Schutzhelm. Über den Köpfen steckt ein brennender Kienspan. Sogar die Silbererzgänge sind als goldgelbes, funkelndes Band an beiden Stößen des Stollens dargestellt. Im dritten Bild stapelt ein Bergmann erzgefüllte Säcke in einem Stollen, in der Hand hält er einen brennenden Kienspan. In der geistigen Ebene darüber ist das zentrale Motiv die Verklärung Christi, das Licht steht hier für die Göttlichkeit Christi. Die Fackeln der Bergarbeiter in den düsteren und engen Stollen sind ein ganz anderes, ganz schwaches Licht. Die Szene der Bergleute ist damit raffiniert in die Bildlogik der Verklärung eingebaut, wodurch aus dem biblischen Berg Tabor der Schwarzwaldberg Schauinsland wird. Der Betrachter sieht nicht nur wie die Arbeit im Bergwerk aussah, sondern erfährt einen regionalen und dadurch persönlichen Bezug zur Szene der Verklärung. Der Ritter Johannes Snewlin, genannt der Gresser, stiftete um 1347 dieses Fenster. Er war mehrmals Bürgermeister von Freiburg gewesen und hatte es zu einem erstaunlichen Reichtum gebracht.
Andere Fenster des Freiburger Münsters wurden von Zünften gestiftet. Durch solche Stiftungen stieg das Ansehen der Stifter in der Gesellschaft bereits zu Lebzeiten. Gleichzeitig erwarteten sie ewige Präsenz im Kirchenraum und dadurch in der Gemeinschaft der Gläubigen. Und die Stifter erhofften sich das ewige Heil und die Aufnahme ins Himmelreich.
Die Arbeitsweise der mittelalterlichen Bergleute wird in den beiden Bergwerks-Fenstern sehr anschaulich wieder gegeben. Abbildungen aus ähnlicher Zeit sowie Schriftquellen und archäologische Funde belegen, dass diese Darstellungen relativ genau sind. ‚Dieselmout‘ muss im 14.Jahrhundert ein sehr bedeutender Ort auf dem Schauinsland gewesen sein, er wurde Schauplatz eines besonderen Ereignisses. Graf Egeno IV. von Freiburg war dort oben mit großem Gefolge, mit Bergschöffen, Rittern und Knechten erschienen. Er war der zuständige Landesherr und Inhaber des Bergregals und er wollte seinen Rechtsanspruch auf die Bergwerke sichern. Für den 30.Juni 1372 hatte er Fachleute aus den umliegenden Bergbaugebieten auf das Bergbaugelände zusammen gerufen. Froner und Abgesandte aus dem Todtnauer und Wiesental, Bergleute aus dem Hofsgrunder und Kappeler Tal, Abordnungen vom Glotter- und Suggental erschienen. Sie mussten dem Grafen ‚gewissenhaft mitteilen‘, was die Bergewohnheit war. Unter Eid mussten sie antworten auf vier vorgelegte Fragen zur Durchführung des Bergbaubetriebes und der Rechtshoheit der handelnden Personen. Die Antworten wurden niedergeschrieben und galten ab sofort als Rechtsgrundlage für die Bergwerke. Diese Urkunde, das später sogenannte ‚Dieselmouter Bergweistum‘ gehört damit zu den ältesten Bergordnungen Europas.
Vom 13. bis zum 15.Jahrhundert blühten in ‚Dieselmout‘ Silber-Bergwerk und Siedlung, im 16. und 17.Jahrhundert kam der Bergbau zum Erliegen. Es gab technische und finanzielle Schwierigkeiten, aber auch häufige Streitigkeiten mit dem Kloster Oberried und den Hofsgrunder Bauern. Kriegerische Wirren besonders während des Dreißigjährigen Krieges kamen hinzu. Im 18.Jahrhundert erlangte das Blei wirtschaftliches Interesse. Mehrere Bergbauunternehmer bemühten sich um den Beginn eines Bleierzbergbaus. Ab 1876 begann der moderne Bergbau, welcher erstmals die bisher wertlose und auf Halden gekippte Zinkblende verwertete. 1889 wurde der Kapplerstollen begonnen, der später den Schauinsland von Nord nach Süd durchquerte, alle Aktivitäten verlegten sich auf das besonders zinkerzreiche Nordfeld am Schauinsland. Ab 1900 wurden die Erze mittels einer 5,3km langen Seilbahn in eine Aufbereitungsanlage bei Kapppel transportiert. Schließlich kam die Grube Schauinsland 1935 zur Stolberger Zink AG, die den Bergbau intensivierte. 1953 wurden täglich rund 200t Roherz mit einem Gehalt von durchschnittlich 0,9%Blei und 5,4%Zink aufbereitet. Zahlreiche Bergbauanlagen waren in dieser Zeit im engen Kapplertal zu finden. Ziemlich überraschend kam das Aus für den Erzbergbau am Schauinsland: aufgrund gefallener Metallpreise und abnehmender Erzgehalte in den Gängen wurde die Grube zum 31.Oktober 1954 endgültig stillgelegt.
Zurück blieb das größte Bergwerk des Schwarzwaldes. Das in 800 Jahren auf der Suche nach Silber, Blei und Zink geschaffene Grubengebäude hat Stollen von über 100km Länge verteilt auf 22 Sohlen. Bereits 1976 startete eine Initiative zur Erhaltung des Bergwerkes. Die Forschungsgruppe Steiber hat in über 20 Jahren in bewundernswerter Arbeit 30km Strecken aufgewältigt und zugänglich gemacht. Ab 1997 konnte ein Betrieb für Besucher aufgenommen werden. Das Besucherbergwerk Schauinsland ist eines der größten Schaubergwerke in Deutschland geworden. Die erste Siedlung Dieselmuot ist schon lange verschwunden, übrig geblieben sind oberhalb Hofsgrund der ‚Haldenmeierhof‘ und das Hotel ‚Die Halde‘ an der ‚Silberbergstraße‘. Bei Wanderungen über die Höhen des Schauinslandes deutet nichts mehr offensichtlich hin auf die vielen unglaublichen Geschichten um den Silberschatz im ‚Erzkasten‘.










