Ritterliche Vorsorge fürs Jenseits
Am westlichen Ende des Untersees, wo der Rhein den Bodensee verlässt, liegt im Schweizer Kanton Schaffhausen die Kleinstadt Stein am Rhein. Das Städtchen ist berühmt für seinen gut erhaltenen Altstadtkern mit reich bemalten und mit Erkern versehenen Fachwerkhäusern. Hoch über der Altstadt thront die Burg Hohenklingen mit einem atemberaubenden Weitblick über den Hegau, den Bodensee und die Rheinlandschaft.
Die ehemalige Benediktinerabtei St.Georg in Stein am Rhein ist eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Klosteranlagen der Schweiz und beherbergt heute ein Museum. Wahrzeichen ist der weithin sichtbare schlanke spätgotische Glockenturm. In den Jahrhunderten nach der Reformation erfolgten immer wieder Umbauten der Kirche. Trotzdem ist der ursprüngliche romanische Kirchenbau aus dem Beginn des 11.Jahrhunderts wunderschön erhalten. Eine kleine Seitenkapelle fällt auf, meist wird sie Liebfrauenkapelle genannt. Sie ist an die nördliche Chorwand angebaut und vollständig mit Fresken ausgemalt. Aus einer Urkunde vom 16.März 1372 geht hervor, dass Freiherr und Ritter Ulrich VIII von Hohenklingen in der Kapelle das Grab für seine verstorbene Gemahlin errichten ließ. Die Kapelle sollte zur Familiengrablege werden. In seiner frommen Stiftung verfügte Ulrich VIII auch die «Jahrzeiten», also die an den jeweiligen Todestagen zu lesenden Seelenmessen, dabei sollten auf den Gräbern zwei Kerzen brennen, am Vorabend seien Vigilien zu singen und die Kirchenglocken zu läuten. An den vier Marientagen des Jahres seien weitere Messen zu lesen. Zur Finanzierung des ganzen Aufwandes stiftete er einen Bauernhof, aus dessen Ertrag sollte zu den beiden Jahrzeiten für die Armen in der Klosterbäckerei „aus einem Malter Kernen Brot gebacken“ werden, „erbs und smalz dazu, als wie gewohnlich ist“ gespendet werden.
Sein Sohn Walter VII befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, als er vermutlich um 1420 diese Kapelle neu ausmalen ließ, ältere Bilder wurden übermalt. Auf der Südwand sieht man die Anbetung der Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland. An die Huldigung des Jesuskindes schließen sich die Herren von Hohenklingen an, die Männer in Ritterrüstung, die Damen edel gekleidet, über den Köpfen mächtige Helmzierden, zu den Füßen Wappenschilde. Zuvorderst steht Ulrich VIII mit Ehefrau Elisabeth von Brandis, dann sein Sohn Walter VII mit Kunigunde Gräfin von Fürstenberg, dann Enkel Ulrich XI mit Anna von Ramstein. Ein viertes Paar waren vermutlich Ulrichs Schwestern Anastasia und Fides, später anscheinend umgemalt zu einem vierten Ritter. Mit großem Selbstbewusstsein sind die Ritter in gleicher Größe gemalt wie die Figuren der Heilsgeschichte, manche Helmzier, Wappen und Kleider ragen in den Bildrand hinein, alles eine ganz subtile Bildsprache der Macht. Die fromme Stiftung der Kapelle mit ihren Bildern und die «Jahrzeiten» dienen ganz konkret dazu, die Wartezeit der Verstorbenen im Fegefeuer unmittelbar nach dem Tod bis zum Gericht am Jüngsten Tag zu verkürzen. Wir haben es also mit einem «Seelgerät» zu tun, eine Jenseitsvorsorge gepaart mit prächtiger ritterlicher Selbstinszenierung im Diesseits. Neben dieser Inszenierung erscheint das Bild einer Kreuzigung. Die gekreuzigte Person trägt eine Krone und ein langes Gewand, von ihren Füßen fällt ein Schuh herab, davor kniet ein Mann an einem Altartisch. Das erinnert an die vielen Varianten der Wundererzählung vom Armen/ vom Pilger/ vom Geiger mit dem silbernen/goldenen Schuh. Diese beiden Bilder haben im Hintergrund denselben Sternenhimmel, beide haben dasselbe Muster in der Umrahmung. Sie wurden also sicher zur selben Zeit, vom selben Maler gemalt.
Die früheste Erwähnung eines Schuhwunders findet sich im Reisebericht des isländischen Abtes Nikulas von Munkathvera aus dem Jahr 1154: Der gekreuzigte Christus schenkt einem armen Mann einen wertvollen Schuh als Dank für sein Musizieren. Diese Legende ‚wandert‘, bald wird das Schuhwunder auch in Verbindung mit dem „Volto Santo“ erzählt: So heißt ein überlebensgroßes Kruzifix im Dom von Lucca. Es war ein wichtiges europäisches Pilgerziel im 12. Jahrhundert, Kaufleute und Ritter verehrten das Gnadenbild, der Kniefall vor dem Kreuz war sogar für deutsche Könige ein offizieller Akt auf ihren Römerzügen. In ganz Europa verbreiteten sich Nachbildungen des „Volto Santo“, der Volksmund nannte es auch „Sankt Hulpe“, der „göttlicher Helfer“. Die zusätzliche Abbildung eines Spielmannes mit dem Schuhwunder sollte die Echtheit eines „Volto Santo“-Bildes bezeugen und auf die besondere wundertätige Qualität dieses Kreuzes hingewiesen. Im 15.Jahrhundert ‚wanderte‘ die berühmte Erzählung vom armen Geiger und dem Schuhwunder auch zu einer heiligen Frau am Kreuz. Dieser Kult einer Heiligen Wilgefortis / Sint Ontcommer / Heiligen Kümmernis war in Flandern entstanden. Vor allem seit der Gegenreformation war diese Heilige Kümmernis in vielen Regionen Europas eine hoch verehrte Volksheilige geworden, vor allem für „frauliche Herzens-, Leibes- und Seelennöte“. Auch hier ist der Geiger als Bestätigung der Wundertätigkeit dieser heiligen Frau am Kreuz zu verstehen.
Die Interpretation einer Kreuz-Darstellung mit Geiger ist daher bei manchen Bildern nur aus einem Gesamtzusammenhang möglich. Den Kult des „Volto Santo“ könnte einer der Ritter auf einem Italienfeldzug mit Kaiser Sigismund kennen gelernt haben. Ihrem Seelenheil sollte auch diese Stiftung eines „Volto Santo“ – Bildes in ihrer Familiengrablege dienen. Hier in Stein am Rhein ist schwer vorstellbar, dass die machtbewussten Männer von Hohenklingen zu einer „Frauenheiligen“ beteten, es ist keine Darstellung der Kümmernis.
Der eigenartige quadratische Chorraum der Kirche ist mit Fresken aus dem 15.Jahrhundert ausgemalt. Hier wird die Gründungsgeschichte des Klosters erzählt: Die Südwand zeigt die erste Gründung eines Bergklosters auf dem Hohentwiel durch Herzog Burkhart II und seiner Gemahlin Hadwig. Sie halten das Modell einer Kirche in den Händen, sie sind umgeben von wappentragenden Engeln. Hadwig stiftete um 970 ein kleines Kloster auf der Burg, vielleicht auch eine Klosterschule. Nach dem Tod der kinderlosen Witwe entfiel die Hofhaltung „auf dem rauhen Berg“. Die Mönche siedelten um nach Stein am Rhein, „damit hinfüro die Diener Gottes der gewünschten Bequemlichkeit eines besser gelegenen Ortes theilhaftig würden.“ Dort geschah schon 1007 die Neugründung durch Kaiser Heinrich II und seine Gemahlin Kunigunde, dargestellt auf der Nordwand des Chores. Der Drachentöter Georg und der Bischof Cyrill von Gortyna auf Kreta waren die Schutzpatrone der beiden Klöster.
Etwas nördlich der modernen Rheinbrücke erblickt man die drei kleinen Werd-Inseln. Sie wurden schon vor 7000 Jahren von Pfahlbauern bewohnt, Zeugnisse aus Jungsteinzeit und Bronzezeit wurden bei Ausgrabungen gefunden. Eine keltische Siedlung Tasgetium lag auf dem linken Rheinufer beim heutigen Eschenz. Die Römer bauten um 50 n.Chr. hier ein Brückenkopfkastell und eine hölzerne Pfahljochbrücke mit den Inseln als Widerlager. Eine große römische Handels- und Militärstrasse führte hier von Vindonissa (Windisch) in Rätien bis nach Laiz an eine Furt über den Danubius (Donau) in Germanien. Mit der Aufgabe des obergermanisch-rätischen Limes im 3.Jahrhundert wurde etwas weiter westlich eine neue Steinbrücke gebaut, dazu linksrheinisch ein großes Kastel („auf Burg“), rechtsrheinisch gab es ein kleines Kastell. Auf dessen römischen Ruinen entstand später das Kloster St.Georg.
Im 8.Jahrhundert wurde Otmar, der Gründer des Kosters St.Gallen, auf die Insel Werd verbannt. Nach seiner Rehabilitierung und Heiligsprechung entstand ein kleiner Konvent zur Betreuung des Otmar-Heiligtums. Bis auf den heutigen Tag ist das kleine Kloster von Mönchen bewohnt.

















