Uffertbrut und Hisgier
Südlich von Müllheim liegt der Ort Vögisheim zwischen den Ausläufern des 1165 Meter hohen Hochblauen und der flachen Rheinebene. Das kleine alte Weindorf liegt idyllisch eingebettet in die Hügel mit den Weinbergen. Nach einem uralten Brauch ist hier 40 Tage nach Ostern die ‚Uffert-Brut‘ oder das ‚Uuferts-Brütli‘ unterwegs, das ist die ‚Braut an Christi-Himmelfahrt‘.
Dieser Umgang ist ein Brautzug ohne Bräutigam, dafür ist merkwürdigerweise die Braut verdoppelt. Gegen 14 Uhr treten zwei festlich gekleidete Mädchen aus dem Gemeindesaal. Die weißen Kleider sind bodenlang, farbige Bänder flattern am Gürtel. Ihre Gesichter sind tief verschleiert, auf dem Kopf tragen sie einen schweren Blumenkranz, in den Händen einen Blumenstrauß. Eine kleine Schar jüngerer Mädchen begleitet sie als Brautjungfern – kein Junge hat hier etwas zu suchen. Sie führen einen Zug durchs Dorf an, ziehen einen Bollerwagen mit, um die Spenden zu sammeln. Vor den Häusern singen sie ihren Heische-Vers:
Gueten Obe, / hän Si au ebbes z’Obe?
M ’r hän scho sitt acht Tage / nüt meh g’ha im Mage.
Jez müe m’r halt go bettle / vo Hus zue Hus mit Chrätte.
Nach dem Empfang der Gaben:
Jez müe m’r üs bedanke / für Eier, Mehl un Anke.
Zum Abschluss werden aus diesen Spenden ‚Scherben‘ gebacken und diese gemeinsam verzehrt. ‚Scherben‘ sind ein traditionelles badisches Schmalzgebäck, das an vielen Orten an Fasnacht gebacken wird.
Nicht nur die ‚Uffertbrut‘ von Vögisheim ist mit einem Heischebrauch verbunden. Das Wörterbuch der deutschen Volkskunde erklärt das Heischerecht als überliefertes Brauchrecht von Kindern und Jugendlichen, seltener Erwachsenen, Geld oder Lebensmittel zu sammeln. Heischebräuche gab es das ganze Jahr über in sehr vielen Orten: Neujahrsansingen, Lichtmesssingen, Ratschen, Pfingstkönigs-Umzug, Martinisingen, Anklöckeln, Frisch- und G’sund-Schlagen. Sie dienten der Verbesserung der Lebensverhältnisse der besonders Bedürftigen. Doch auch die Armen wollten nicht nur nehmen, sondern etwas zurück geben. Mit Sprüchen oder Liedern spendeten sie Glück- und Segenswünsche.
In Vögisheim gehörte zur ‚Uffertbrut‘ früher auch ein männlicher Gegenspieler, die Strohfigur des ‚Hisgier‘. Er trat jedoch schon an Mitfasten am Sonntag Lätare auf, zog mit einer wilden Schar Jungen durchs Dorf. Dieser Heischeumgang ist seit einigen Jahren in Vögisheim verloren gegangen, der männliche Nachwuchs fehlte. Auch in den Nachbargemeinden hat sich ganz ähnliches Brauchtum erhalten. In Seefelden treten beide Figuren gemeinsam auf: Der ‚Bubenhisgir‘ heißt auch ‚Strauhrolli‘, eine Winterfigur in Stroh verkleidet. Es gibt eine ‚Maidlihisgir‘ die auch ‚Uufertbrut‘ oder ‚Maikönigin‘ genannt wird. Diese Frühlingsfigur ist in Weiß gekleidet und trägt auf dem Kopf eine goldene Krone. Mädchen und Jungen beginnen an entgegengesetzten Enden des Dorfes mit ihrem Heischegang. Wenn die zwei Gruppen aufeinander treffen, kommt es schließlich zum Kampf zwischen Winter und Frühling. Dieser Umgang findet in Seefelden an Lätare statt. In Zunzingen dagegen findet dieser Heische-Umgang erst an Himmelfahrt statt, auch hier treffen Winterfigur und Fühlingsfigur aufeinander. Es kommt zu einem spannenden Kampf mit festgelegten Regeln. Und alle hoffen dass der Frühling gewinnt.
Im Zeitraum zwischen Fasnacht und Pfingsten kennt man auch aus vielen anderen Regionen uraltes Brauchtum, um den herbeigesehnten Frühling zu begrüßen. Häufiger Termin ist ‚Mitfasten‘, die Mitte der Fastenzeit, der auch Sonntag Lätare heißt. Das symbolische Verdrängen des Winters geschah häufig mit Hilfe einer Strohpuppe, die aus den Dörfern herausgetragen, verbrannt oder ins Wasser geworfen wurde. Stroh symbolisiert das Tote, das Verbrauchte, das Vergangene – den Winter. Den nahen Frühling dagegen verkörpert je nach Jahreszeit grüner Buchs oder Blumen. So gibt es Feste an Lätare die heißen ‚Todaustragen‘ (Schlesien), andernorts heißen sie ‚Sommereinholen‘ (Bergstraße) oder ‚Sommergewinn‘ (Eisenach). Man kennt zahlreiche Strohgestalten mit verschiedenen Namen: ‚Butzimummel'(Attenschwiller/F), ‚Iltis‘ (Buschwiller/F), ‚Dürre'(Effingen/CH), ‚Hitzgiger'(Elsass/F), ‚Hisgier'(Vögisheim/D), ‚Hutzgyri'(Baselbiet/CH). Zu den grünen Gestalten gehören ‚Bär'(Lausheim/D), ‚Tannästler'(Effingen/CH), ‚Mieschme'(Riehen/CH) und ‚Miesme'(Karsau/D). Nur in wenigen Orten haben sich noch rituelle Spiele erhalten, die den Kampf zwischen Frühling und Winter verkörpern, so die ‚Eierleset‘ in Effingen sowie ‚Hisgier und Uffertbrut‘ in Seefelden und Zunzingen.









