Die Fürstenabtei Murbach
In einem stillen, bewaldeten Seitental des Florival (Lauchtal) hinter Guebwiller, das einst der Bach Murr gebildet hat, stösst man unvermittelt auf die Überreste einer mächtigen Abtei, die nach dem Flüsschen ‹Murbach› benannt wurde. Ein bescheidenes Dorf hat sich hier angesiedelt, seitdem die Mönche vor rund zweihundert Jahren weggezogen sind. Die Ausmasse des von der Kirche übrig gebliebenen, nach Osten ausgerichteten Chors mit zwei Seitenkapellen, dem Querschiff und den beiden imposanten Türmen, die an Cluny erinnern, lassen die Bedeutung des ehemaligen Benediktinerklosters noch immer erahnen. Es handelt sich um eines der wichtigsten romanischen Bauwerke im oberrheinischen Raum. In seltsamem Widerspruch dazu steht die zauberhafte Ruhe, die heute von diesem Ort ausgeht, die die Vergänglichkeit seiner irdischen Pracht zu bezeugen scheint; auf dem Boden des verschwundenen Längsschiffs der Abtei-Kirche steht heute der Friedhof.
Die Gründung der Abtei geht auf die Merowinger zurück; es war Graf Eberhard von Eguisheim, ein Enkel des Eticho, des Vaters der Odilia, der hier am Fuss des Grossen Belchen (Grand Ballon) im Jahre 728 eine Abtei stiftete. Eberhard liess den Bischof Pirmin von der Reichenau zu sich kommen. Pirmin weihte das Kloster und organisierte hier nach seinem Ideal der Peregrinatio eine Gruppe von irischen Wandermönchen und nannte das Kloster Vivarius Peregrinorum (lateinisch für Hort der Pilger / Wandermönche). Weiter verschaffte er ihm umfangreiche Privilegien. So erwirkte Pirmin vom Straßburger Bischof dessen Verzicht auf alle Rechte an Murbach, sowie die Gewährung des Rechts der freien Wahl des Abtes – womit die Unabhängigkeit des Klosters vom Diözesanbischof erreicht war (Exemtion) – und unterstellte es dem Königsschutz. Pirmin war ein grosser Missionar der damals noch wenig christianisierten Bevölkerung und versuchte, die Alemannen von der Verehrung germanischer Gottheiten abzuhalten. «Verehrt nicht Götzen und bringt ihnen keine Opfer auf den Felsen […]. Betet nicht am Fuss der Bäume […]. Verehrt nicht die Götter bei den Quellen […]. Macht nicht eure kranken Glieder in Holz nach, um sie an den Strassenkreuzungen oder an den Bäumen aufzuhängen in der Hoffnung, dass sie genesen werden […] » heisst es in seinen Predigten. Der weltliche Gründer, Graf Eberhard, der erblindet war und seinen einzigen Sohn verloren hatte, übertrug seine Güter in rund vierzig elsässischen Orten, von der Burgunder Pforte bis zum Hagenauer Forst, auf das neue Kloster, das durch weitere Schenkungen im 8. und 9.Jahrhundert zur mächtigsten aller Reichsabteien wurde. Sie kam zu Besitztümern in den Bistümern Strassburg und Basel, im heutigen Baden und im 9.Jahrhundert sogar im schweizerischen Luzern. Murbach wurde unter das Patronat des heiligen Leodegar gestellt, des Märtyrerbischofs von Autun im Burgund, einem Verwandten der elsässischen Herzöge, von dem eine Reliquie – ein Teil seines Haupts – in die Abtei gebracht wurde. Graf Eberhard verstarb 747 in Murbach; als ruhende Figur begegnet man ihm im südlichen Querschiff in einer Skulptur aus dem 13.Jahrhundert.
Unter Kaiser Karl dem Grossen wurden die Klöster zu eigentlichen Universitäten; dies galt besonders für Murbach, wo viele Kleriker ausgebildet und unzählige Manuskripte geschrieben wurden – theologische, aber auch literarische und historische Werke. Hier entstanden bereits im 9.Jahrhundert erste alemannisch abgefasste Schriften wie beispielsweise die Übersetzung der in den Gottesdiensten gesungenen lateinischen Hymnen. So wurde die Murbacher Bibliothek zu einer der bedeutendsten am Oberrhein. Das Kloster wurde zu einem Stützpunkt der Karolinger Könige, seine Äbte waren Fürstäbte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und selbst Karl der Grosse ernannte sich 782 und 783 zum weltlichen Abt von Murbach. Im Jahre 936 wurde das Kloster von Ungarn überfallen und zerstört, sieben Mönche wurden ermordet; ihr Grabmal findet man heute in der Kirche. Zwanzig Jahre lang blieb das Kloster in der Folge ohne Abt, doch dann belebte es sich neu, wurde in die Ordensgemeinschaft von Cluny aufgenommen und entwickelte sich wiederum zu einer Feudalmacht. Im 16.Jahrhundert wurde es zum Stützpunkt der Habsburger, bis es unter französische Herrschaft kam. Doch die religiöse Basis zerbrach, im 18.Jahrhundert verliessen die Mönche das Kapitel, gaben die Benediktiner-Regeln auf und liessen sich als Chorherren des ‹Ritterstifts von Murbach› nieder. Sie errichteten eine Herrenresidenz mit der Liebfrauenkirche und liessen ihr Ursprungskloster verfallen. Die Französische Revolution schliesslich beendete endgültig ihre weltliche und kirchliche Macht, als im Juli 1789 die aufrührerischen Bauern aus dem St.Amarin-Tal kamen, um das fürstäbtliche Schloss zu plündern.
Wer Murbach besuchen will, sollte dies am frühen Morgen oder über Mittag tun, wenn man dort ungestört verweilen kann. Es lohnt sich auch, den kleinen, romantischen Kreuzweg im Wald – keine hundert Meter in Richtung Dorf von der Kirche entfernt – unter die Füsse zu nehmen, wo von Moos überwachsene Steinskulpturen aus dem 19.Jahrhundert von der Passion Jesu erzählen. Auf der Anhöhe gelangt man zur kleinen, kürzlich renovierten Loreto-Kapelle, die 1693 von den Benediktinern erbaut worden ist. Auf der Rückfahrt durch Guebwiller sollte man nicht versäumen, die spätromanische Kirche St.Leodegar (Saint-Léger) in der Oberstadt aufzusuchen, die ebenfalls von der Murbacher Abtei gegründet wurde. Sie hat auch die Dominikaner nach Guebwiller gerufen, die sich in der Unterstadt niederliessen und dort von 1294 bis 1791 residierten. ‹Les Dominicains›, so heisst der stimmungsvolle Ort mit Kirche, Kloster und wundervollem Kreuzgang, ist heute ein Kulturzentrum, in dem Konzerte und Festivals stattfinden, von Klassik bis Jazz.








